Was 14.000 Potenzialanalysen über Männer und Frauen zeigen
Frauen sind in unseren Auswertungen messbar stärker personenorientiert als Männer. In genau der Größenordnung, die die Big-Five-Forschung vorhersagt. 14.469 Bearbeitungen, vier Stichproben, mehr als zehn Jahre Erhebungszeitraum.
Eine alte Erkenntnis aus der Psychologie
Eines der robustesten Ergebnisse der Persönlichkeitsforschung: In über 55 Ländern erreichen Frauen im Durchschnitt höhere Werte auf der Skala, die die Wissenschaft Verträglichkeit nennt. Damit gemeint sind Eigenschaften wie Mitgefühl, Kooperationsbereitschaft, Vertrauen, Orientierung an anderen. Der Unterschied ist klein bis mittelgroß. Genug, um ihn statistisch sauber zu messen. Nicht genug, um zwei getrennte Lager zu bilden.
In meinem Buch Neue Wege im Recruiting ordne ich unsere Skala Personenorientierung versus Prozessfokus genau diesem Verträglichkeits-Konstrukt zu. Wer hoch personenorientiert ist, achtet stärker auf andere Menschen, ihre Reaktionen, ihre Gefühle. Wer hoch prozessorientiert ist, denkt eher in Abläufen und Strukturen. Wenn die Zuordnung stimmt, dann muss unsere Skala den gleichen Geschlechts-Effekt produzieren wie Big-Five-Verträglichkeit. Das lässt sich überprüfen.
Was wir gemessen haben
Vier Stichproben, älteste Bearbeitungen ab 2013, jüngste aus 2025. Insgesamt 14.469 vollständig durchgeführte Potenzialanalysen mit Geschlechtsangabe.
| Stichprobe | Probanden gesamt | Männer | Frauen |
|---|---|---|---|
| 2025 | 1.614 | 675 | 939 |
| 2016 | 3.259 | 1.528 | 1.731 |
| 2022 | 2.584 | 786 | 1.798 |
| 2013 | 7.012 | 2.373 | 4.639 |
| Summe | 14.469 | 5.362 | 9.107 |
Für jede Stichprobe haben wir die Mittelwerte der Männer mit den Mittelwerten der Frauen verglichen. Statistiker nennen das Maß für so einen Mittelwertsunterschied Cohen's d. Es sagt, wie deutlich zwei Gruppen sich unterscheiden, gemessen in Standardabweichungen.
Das Ergebnis
In allen vier Stichproben sind Frauen messbar stärker personenorientiert als Männer.
Die Effektstärken liegen zwischen d = 0,19 und d = 0,34. Big-Five-Studien berichten für Verträglichkeit Werte um 0,3 bis 0,5. Wir landen also dort, wo die Theorie es vorhersagt.
Was das praktisch heißt: Stellt man hundert zufällige Frauen und hundert zufällige Männer aus den Daten nebeneinander, liegen die Frauen im Schnitt ein Stück weiter auf der Personenorientierungs-Seite. Die Überlappung bleibt groß. Viele Männer sind personenorientierter als viele Frauen, und umgekehrt. Aber die Mitte der Frauen-Verteilung sitzt klar versetzt zur Mitte der Männer-Verteilung. So sieht das auch in der Grafik oben aus: zwei Glockenkurven, die sich stark überlappen, mit Gipfeln an leicht versetzten Stellen.
Genau das, was Jung schon wusste
Carl Gustav Jung, von dem das gesamte Typologie-Denken stammt, hat in seinem Hauptwerk Psychologische Typen (1921) selbst davor gewarnt, seine acht „reinen Typen" wörtlich zu nehmen. Er nannte sie „galtonsche Familienporträts": kumulative Überzeichnungen, die das Typische verstärken und die individuelle Vielfalt verschlucken. In der Wirklichkeit, schreibt er, kämen solche reinen Typen kaum vor.
Seine eigene Sicht war eine andere. Jeder Mensch hat beide Pole. Denken und Fühlen, Personenorientierung und Prozessfokus. Was den Typ ausmacht, ist nur die relative Vorherrschaft. In einem späten Interview formulierte er das zugespitzter: Einen reinen Extravertierten oder Introvertierten gebe es nicht, so jemand wäre nicht arbeitsfähig.
Was Jung in der Praxis beobachtete, ist genau das, was unsere Daten zeigen. Keine zwei sauberen Lager. Eine Glockenkurve mit der Mehrheit in der Mitte und Abstufungen in beide Richtungen. Männer und Frauen liegen auf derselben Skala, nur mit leicht verschobenen Mittelwerten. Wer heute in der MBTI-Kritik hört, die dichotomen Typen seien empirisch zweifelhaft, weil die zugrunde liegenden Daten normalverteilt sind, hört eine späte Bestätigung dessen, was Jung selbst schon gesehen hat.
Der Effekt in unseren Daten ist:
- in der theoretisch vorhergesagten Richtung (Frauen höher)
- praktisch bedeutsam, kein statistisches Rauschen
- in allen vier Stichproben hochsignifikant
- über mehr als zehn Jahre Erhebungszeitraum stabil
Warum das wichtig ist
Geschlecht ist ein theoriefreier externer Anker. Unser Test fragt nicht nach Geschlecht. Das Geschlecht hat auch keinen direkten Einfluss auf die Items. Wenn die Skala trotzdem genau den Geschlechts-Unterschied produziert, den eine unabhängige Forschungstradition seit Jahrzehnten zeigt, ist das ein klares Indiz: Wir messen dasselbe Konstrukt.
Im Fachvokabular heißt das konvergente Kriteriumsvalidität. Die DIN 33430 verlangt sie ausdrücklich von Persönlichkeitsverfahren im Personalauswahl-Kontext. Unsere Auswertung liefert diesen Beleg für die Personenorientierungs-Achse, auf einer Datenbasis, die für ein Beratungsunternehmen ungewöhnlich groß ist.
Was es nicht heißt
Die Daten zeigen einen statistischen Mittelwertsunterschied. Sie sagen nichts darüber, ob eine bestimmte Frau personenorientierter ist als ein bestimmter Mann. In einer Auswahl-Entscheidung zählt das individuelle Profil, nicht der Gruppen-Mittelwert. Persönlichkeitsdiagnostik ist genau aus diesem Grund sinnvoll: Sie trifft das Individuum, statt eine Schubladenzuweisung nach Geschlecht zu erlauben.
Und nein, Personenorientierung ist nicht „besser" als Prozessfokus, oder umgekehrt. Beide Pole haben ihre Stärken, je nach Aufgabe, Team-Konstellation, Rolle. Genau dafür gibt es differenzierte Diagnostik.
Den vollständigen Befund als PDF
Methodik, Tabellen, Effektstärken mit Konfidenzintervallen und Quellen — kompakt auf zwei Seiten.
PDF herunterladenWie es weitergeht
Der nächste Schritt ist die Konstruktvalidität: die direkte Korrelation der esc-Skala mit einem etablierten Big-Five-Verfahren an derselben Stichprobe. Dafür brauchen wir etwa 200 Probanden, die beide Tests bearbeiten. Wer Lust hat mitzumachen oder einen passenden Kontext im eigenen Unternehmen sieht, gerne melden.
Bildnachweis: Hero-Bild „Overlapping normal distribution" via Wikimedia Commons, Autor: Izabela 09k, Lizenz CC BY-SA 3.0.
Wissenschaftliche Referenz: Schmitt, D. P., Realo, A., Voracek, M., & Allik, J. (2008). Why can't a man be more like a woman? Sex differences in Big Five personality traits across 55 cultures. Journal of Personality and Social Psychology, 94(1), 168–182.